Chateau, Duli und Reisen

Zusammen mit meiner damaligen Freundin Gabi begann nun eine wunderbare Zeit. Das alte Wasserschloß, in das ich mich zusammen mit meinem besten Freund Duli eingekauft, und das ich zusammen mit ihm aufwendig restauriert und eingerichtet hatte, war ein idealer Ort, um sich ausschließlich mit der Natur, mit der Musik, der Literatur und natürlich mit Film zu beschäftigen. Duli war mein Freund und Bruder des Geistes und des Herzens. Wir hatten uns auf der Beerdigung unseres gemeinsamen Freundes Dieter Krebs, auf dem Friedhof in Essen wiedergetroffen, ja, heute muß ich sagen, wiedergefunden. Wiedergefunden, weil wir uns eigentlich schon Jahre kannten.

Beide waren wir in der Bochumer Nachtszene unterwegs gewesen und betrieben seinerzeit beide verschiedene Nachtlokale. Er hatte das UBO, ein in den Kellergewölben des Bochumer Schauspielhauses gelegenes Lokal, das zwar schon immer mit beachtlicher Musik aufzuwarten wußte, das aber, meines damaligen Erachtens nach, bieder und kleinkariert war. Hier verkehrten die Statisten, die Putzerfische der Schauspieler und solche, die sich in deren Gesellschaft wohl fühlten. Duli trug Pferdeschwanz und Zwirbelbart, wie Kaiser Wilhelm. Er hatte eine für mich unerträglich arrogante Art, war allzeit unangenehm besserwisserisch und streitlustig. Zu seinem Glück war er groß und kräftig und hatte ein paar gute Freunde in der Szene, was ihm die eine oder andere Tracht Prügel ersparte, für die er auf Grund seines ätzenden Benehmens jederzeit fällig gewesen wäre. Wir konnten uns nicht leiden und hatten uns gegenseitig in unseren Läden Lokalverbote erteilt, die wir allerdings mit hartnäckigkeit ignorierten.
Mit dem Unterschied, daß Duli unsere Verbotsmißachtung meist durch die Polizei beendete, während ich, oder besser, wir, die Durchsetzung der verordneten Regeln selbst durchsetzten. Bezeichnenderweise hatten wir einen großen, sich überschneidenden Freundes- und Bekanntenkreis und offensichtlich ähnliche Neigungen, was die Kunst im Allgemeinen und auch im Besonderen betraf. Wir liefen uns somit dauernd über den Weg und versuchten doch, uns aus dem Wege zu gehen.
An diesem besagten Tag auf dem Essener Zentralfriedhof jedoch war alles ganz anders. In Trauer vereint, über die Jahre gereift und erwachsener geworden, schon viele Jahre nicht mehr verantwortlich in der Gastroszene tätig, Duli handelte Art Deco, ich war mit Kowalski durch die Musikwelt gezogen,fanden wir, im Kreise all der Trauernden, auf ganz natürlichem Wege, über Gespräche, in denen wir uns öffneten und verletzlich machten, geradezu sensationell zusammen. Fortan, und ich meine, exakt von diesem Tage an, verbrachten wir unsere Zeit nur noch gemeinsam, ausschweifend und intensiv, ohne uns je wieder aus den Augen zu verlieren.

Er gab mir Halt und Geborgenheit in der schweren Zeit der Aufarbeitung und Verarbeitung meines Ehetraumas, er verarztete meine Wehwehchen und Verletzungen, die ich mir durch einfach zu viel Stress und Kummer immer wieder zuzog und baute mich auf, gab mir Zuversicht und Kraft. Ich wohnte für rund 2 Jahre in seiner Rock & Roll Bude in Brügge, ausgestattet mit allerlei seltsamem Krimskrams aus aller Welt, denn Duli war Weltgereist. In seiner Küche, hing eine Original-Gitarre von Ron Wood direkt über dem Gasherd. Wir hörten tagelang Musik, die er aus tausenden von gesammelten LP`s zusammenstellte und zu CD`s brannte und ich brachte ihm dafür seinen Lieblingsbourbon von Plus oder Aldi mit, `Four Roses`und Stars &Stripes, den er am liebsten mit Diat Coke verdünnt trank und kochte für ihn. Zwei heterogene Alphatypen hatten zusammengefunden. Wir wurden die besten Freunde mit Respekt und Nachsicht, mit Liebe und Ehrlichkeit, wie ich es bis dahin , wenn ich ehrlich bin, noch nicht erlebt hatte. Da Brügge weit draußen im Westen Belgiens liegt und die Wege somit weit waren, (ich drehte weiter SK Kölsch in Köln und Duli`s Werkstatt zum Aufbereiten der Möbel war in Bochum), überlegten wir, uns örtlich zu verändern und weiter östlich zu orientieren. Am besten ein Bauernhof mit Scheune und Gästezimmern. Geld spielte keine große Rolle, wir verdienten beide gut. Und siehe da, aus dem Bauernhof, nach dem wir sodann intensiv suchten, denn wir wollten naturverbunden leben, Platz und Raum haben, um zu gestalten, um die Autos auszustellen, die ich sammeln und noch erwerben wollte, um die Art Deco Möbel zu lagern, die Duli seit vielen Jahren kaufte, restaurierte und wieder verkaufte, um Party`s zu feiern und anderen Künstlern beim Schaffen zuzuschauen, wurde, völlig ungewollt und mehr zufällig, ein Schloß aus dem 12. Jahrhundert. Sein sog. Donjon, ein viereckig, vierstöckig gebauter Hauptturm, wurde bereits im 9. Jahrhundert mit 17 anderen Wachtürmen um die Stadt Aachen herum errichtet, um die Sicherheit von Karl dem Großen gegen marodierende Raubritter zu garantieren.

Hier, im Osten Belgiens, in der wunderschönen, verarmten Wallonie, ließen wir uns nieder. Es verging kein Tag, an dem nicht anspruchsvoll gekocht, getrunken und ausgiebig diskutiert und gelacht wurde. Wir beschäftigten uns mit dem Garten, den Kräutern, den Blumen, bauten ein altes metallenes Boot wieder auf, mit dem wir gemütlich um`s Haus rudern konnten, denn das Schloß war ein Wasserschloß, das in eine Seenlandschaft gebaut war und von einer Quelle gespeist wurde und führten ein erfüllendes und erfülltes Leben.

Bis zu dem Tag, als plötzlich, wie aus heiterem Himmel, mein Duli, mein lieber Freund und Bruder
des Herzens, der Kopf und das künstlerische Gewissen unserer Zeit, über Nacht, wie sich herausstellte an einem Herzinfarkt, im Schlaf verstarb.
Ein Schock, von dem ich mich lange, vielleicht bis heute, nicht wirklich erholt habe. Vielleicht eine
göttliche Gnade für ihn, der mit Freude und ohne Qual und Schmerzen hinübergehen durfte in das Reich, das nur unsere Träume kennen. Für uns aber, die wir zurückbleiben mußten, für mich, blieb nur die Leere, die er hinterließ, die Stille, die mich fortan anschrie. – Ich vermisse ihn sehr. Seinen schweren Schritt, wenn er über die alten Holzdielenböden des Schlosses stampfte, seine Tiefe durch hunderte Flaschen billigen amerikanischen Bourbons und unzählige selbstgedrehte Zigarretten zerfurchte Stimme, die er auch gern im Zusammenspiel mit seiner Gitarre zum besten gab, seine bizarren Flüche, wenn ihm beim Billard beim entscheidenden Stoß die Nerven versagten und seine freundliche Art, seine Lebenslust, seine Unbeugsamkeit. All das verschwand für immer. Von einem Moment auf den anderen. Unfaßbar und grausam, wie nur das Leben sein kann.

Bereits nach wenigen Monaten stellte sich heraus, daß die verbliebene Beziehung zu meiner Freundin mit dem nun fehlenden Geist und Anspruch der letzten gemeinsamen Zeit nur schwerlich mithalten konnte. Es mußte etwas geschehen. Ein gemeinsames Engagement an der Kommödie Steinstraße in Düsseldorf sollte eine neue Zeit, ein neues gemeinsames Lebensgefühl wecken und Gabi und ich gingen mit Eifer und Freude ans Werk.
Wir versuchten uns an Alan Ayckbourn`s “Frohe Feste”, einem wunderbar schwarzhumorigen Stück. Wir spielten von Anfang November bis Weihnachten ensuite. Wir hatten eine erfüllende Zeit, in der ich mich, oder besser, wir uns mit unserer Kollegin Natascha anfreundeten. einem wunderbar schauspiel-, und filmbegeisterten jungen und attraktiven Mädchen, das aber erst zwei, oder waren es sogar drei Jahre später ausgiebiger in mein Leben treten sollte.
Die Zeit am Theater verging. Ebenso verging auch die Liebe. Gabi und ich trennten uns nur wenige Monate später. Die neu gewonnene Freiheit, oder war es eher Einsamkeit brachte mich auf die wunderbare Idee, meine alte Guzzi California 2 aus der Garage zu holen. Ich checkte sie komplett durch, packte den Seesack, legte noch einen weißen Anzug dazu und knatterte gen Süden. Die Cote war mein erstes Ziel. Während die Filmfestspiele in Cannes mit großem Staraufgebot Schlagzeilen machte, kreuzte ich auf Einladung von Freunden mit der MS Europa vor der Küste. Zwei außergewöhnliche Tage an Bord eines außergewöhnlichen Schiffes. Wieder an Land schwang ich mich auf meine Calli und cruiste die französische Küste westwärts durch die Camargue weiter die spanische Costa Brava hinunter nach Barcelona, wo ich mich einschiffen und nach Ibiza übersetzen ließ. Dort und auf meiner Lieblingsinsel Formentera blieb ich zwei drei Monate. Mit einem attraktiven abenteuerlustigen Mädchen, Petra aus Krefeld, die ich am Piratabus, meiner Lieblingsstrandbude kennengelernt hatte, brach ich bald darauf zu einer fetten Tour durch Spanien und Portugal auf. Die Reise war fantastisch. Die Iberische Halbinsel ein Juwel, das für Entdeckungsreisen wie gemacht ist. (siehe Reisebericht, Spanientour 2007). Über Saint Jean de Luz, quer durchs Baskenland und Frankreich brachte uns meine Guzzi nach Amsterdam, zur Geburtstagsfeier eines guten, alten Freundes. Nach meiner Rückkehr auf mein belgisches Schloß stand die 2006 unterschriebene Theatertour auf dem Programm. Zusammen mit meiner Ex und mit Natascha spielten wir an jeder Milchkanne, 60 oder 70 Vorstellungen in Deutschland und der Schweiz. Auf Grund der besonderen Umstände kein immer unkompliziertes Unterfangen. Gabi war mit ihrem neuen Freund unterwegs und ließ mich ihre Verachtung spüren, während ich mich zwischen Petra und Natascha entscheiden mußte…

2008 dann ließ ich mich für die Polizeiserie Notruf Hafenkante für´s ZDF nach Hamburg anheuern. Zwei Staffeln lang hielt ich es aus, unterbrochen von einem längeren Krankenhausaufenthalt, den ich aushalten mußte, weil ich mir, nach einem beim Drehen eingehandelten Bandscheibenvorfall und anschließender Operation, einen resistenten Keim in der Wunde zugezogenhatte, der sich partout nicht ausmerzen lassen wollte und zwei weitere Operationen nötig machte. Hilflos auf den Rollstuhl angewiesen wurde mir bewußt, daß es wichtigere Dinge im Leben gibt, als seine Karriere zu schmieden und beruflichen Erfolg zu suchen. Nach meiner Genesung drehte ich die Staffel zuende. Im Oktober 2010 war dann Schluß und ich kehrte auf mein Schloß zurück. Seither beschäftige ich mich mit der Musik. Der neue Stadionhit “Ein ganzes Leben für dich” erfüllte mir einen lange gehegten Traum. Zum Relegationsrückspiel meines geliebten VfL Bochum gegen Borussia Mönchengladbach durfte ich den Song live im ausverkauften Stadion vor 30.000 Zuschauern performen. Ein gigantisches Erlebnis…
Wie`s weitergeht? – Ihr werdet es erfahren.

Bis dahin bleibt frisch und laßt euch nicht unterkriegen.
Euer Uwe